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München - Köln/Bonn oder vorurteilsfrei fliegen PDF Drucken E-Mail
Freitag, 30. Mai 2008 um 19:45 Uhr
Tragflächen eines Flugzeugs (Foto: Benanza Pix)Früher, als Kind, bin ich gerne geflogen. Naja, so ganz stimmt das auch nicht, aber es hat mir nichts ausgemacht, und während eines Fluges mit starken Turbulenzen, als meine Mutter neben mir schon die Tüte benutzen musste, habe ich sogar noch in aller Seelenruhe weiter essen können. Die Flugangst kam dann später, begleitet von vielen Alpträumen mit abstürzenden Flugzeugen. Es ging sogar so weit, dass ich bereits gebuchte (teure!) Flüge einfach habe verfallen lassen, um dann doch lieber 13 Stunden mit dem Zug zum Ziel zu fahren.

Der Höhepunkt war wohl die Reise nach Griechenland: erst mit dem Zug von Düsseldorf nach München, dann mit dem Nachtzug nach Ancona, dort auf die Fähre (22 Stunden bis Patras), dann mit dem Zug nach Athen und mit der Fähre nach Naxos. Insgesamt war ich 52 Stunden unterwegs, und als ich die gleiche Strecke nach dem Urlaub zurück nach Hause gefahren bin, war ich dort dann wieder urlaubsreif.

So konnte das nicht weitergehen, vor allem weil ich ein Vorsingen in Minneapolis hatte und mir nach ernsthaftem Überlegen eine Schiffspassage dorthin dann doch aus dem Kopf geschlagen habe; außerdem war ich nach einer zuerst misstrauisch von mir beäugten, dann aber höchst erfolgreichen Sitzung bei einer Kinesiologin quasi geheilt (wenigstens bekomme ich jetzt keine Heulkrämpfe mehr und überlege nur jedes zweite Mal, wenn ich ein vermeintlich ungewöhnliches Geräusch während des Fluges höre, ob es sich um einen Defekt in der Turbine handelt oder um erste Anzeichen dafür, dass der Tragflügel abbricht).

Neulich bin ich dann von München nach Köln/Bonn geflogen und kam als eine der letzten Fluggäste an Bord. Die Sitze an den Notausgängen (dort, wo man als halbwegs großer Mensch wenigstens ein bisschen Beinfreiheit hat) waren leider alle schon besetzt, und der einzige freie Fensterplatz - denn den brauche ich dann doch immer, um bei Start und Landung hinausschauen zu können - befand sich neben einem großen, breitschultrigen fremdländisch anmutenden jungen Mann (ich habe ja keine Vorurteile).

Schon bevor die Ansage kam, dass man zum Start und Landen bitte alle elektronischen Geräte ausschalten und sein Mobiltelefon während des gesamten Flugs ausgeschaltet lassen sollte, hatte ich gewissenhaft mehrmals überprüft, ob ich mein Handy auch wirklich ausgemacht hatte. Schließlich wollte ich ja auf keinen Fall irgendwelche Störungen im Cockpit verursachen! Der junge Mann neben mir holte sein Handy aus seiner Brusttasche, warf einen Blick darauf - und steckte es wieder ein. Ich konnte ganz genau sehen, dass er es NICHT ausgeschaltet hatte! Ich überlegte krampfhaft, ob ich ihn darauf ansprechen sollte, wusste aber nicht, ob er dann nicht aggressiv werden würde (ich habe ja keine Vorurteile).

Dann aber kam erst einmal der Start, und ich musste mich voll und ganz darauf konzentrieren ruhig zu atmen. Als wir beinahe die endgültige Reisehöhe erreicht hatten, wandte ich mich wieder dem Problem auf meinem Nachbarsitz zu. Wie sollte ich dem jungen Mann verständlich machen, dass es wichtig war, das Handy auszustellen, ohne ihn zu verärgern? Ich könnte - quasi mit mir selbst redend - zu ihm sagen, ich wüsste gar nicht, ob ich mein Handy wirklich ausgeschaltet hätte. Wie es denn mit ihm wäre? Die Idee verwarf ich dann doch und wurde außerdem noch davon abgelenkt, dass er sein Handy wieder aus der Brusttasche nahm und anfing, darauf herumzutippen. Der 11. September kam mir in den Sinn. O Gott - er war bestimmt ein Terrorist, der sein Handy anlassen musste, um irgendwelche Signale von seinen Mitverschwörern zu erhalten, wann die (im Lageraum) platzierte Bombe hochgehen soll / kann / wird (ich habe ja keine Vorurteile).

Jetzt war ich richtig nervös, versuchte mich aber mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es mit einer Bombe ja sehr schnell geht und man wohl kaum viel davon merkt, wenn man dann abstürzt. Wieder zückte der Terrorist sein Handy und tippte darauf herum. Ein weiterer Gedanke kam mir: Wenn die Bombe ein Druckmittel war und wir Passagiere wie bei der Entführung der Landshut ein paar Tage lang Geiseln sein würden, wäre es vorteilhaft, wenn ich mich mit den Terroristen gut stellen würde. Vor allem, weil ich als direkte Sitzplatznachbarin ja quasi das erste Opfer wäre! Ich überlegte mir schon, was ich denn sagen könnte um klarzumachen, dass ich ein furchtbar netter Mensch (vor allem ohne Vorurteile!) bin und auch immer im Dienste der Gerechtigkeit stehe, ja, das Anliegen der Terroristen eigentlich auch völlig verstehe (ohne natürlich das Mittel der Durchsetzung gutzuheißen) und überhaupt.

Bevor ich mir jedoch einen passenden Satz zurechtgelegt hatte, kam von hinten ein ebenfalls junger Mann heran, den ich aus den Augenwinkeln sah, und der mir entfernt bekannt vorkam. Als er neben meiner Sitzreihe war und vorbeigegangen war, hatte ich ihn erkannt: LUKAS PODOLSKI!!!

Das war ja fantastisch! Einerseits, weil es natürlich immer fantastisch ist, mit Lukas Podolski im selben Flugzeug zu sitzen, andererseits, weil ich jetzt einen prima Aufhänger hatte, um ein freundliches Gespräch mit meinem Terroristen zu führen. Ich wollte gerade anfangen, etwas ähnliches wie "Haben Sie gesehen ? Da ist Lukas Podolski!" zu sagen, da kam Lukas Podolski wieder zurück und blieb neben meiner Reihe stehen. Mir blieb gar keine Zeit, mich darüber zu wundern (mich konnte er schließlich nicht erkannt haben), als er schon im schönsten Bergheimer Slang mit meinem Terroristen anfing herumzublödeln - mein Terrorist übrigens ebenfalls im schönsten Bergheimer Slang.

Nein sowas!!! Sämtliche Steine fielen mir vom Herzen! Denn Lukas Podolski war bestimmt nicht mit einem Terroristen befreundet oder? Alles war wieder gut! Den Rest des Fluges, der aber dann auch bald zu Ende ging, denn von München nach Köln/Bonn ist es ja wirklich nicht besonders weit, konnte ich fast sogar genießen. Die Landung war nicht schön, aber wenigstens bombenfrei, und an der Gepäckausgabe konnte ich dann einen ausgiebigen Blick auf Lukas, seine Freundin, seine Eltern und meinen Terroristen werfen, der mir schon gleich gar nicht mehr so gefährlich vorkam. Sein Handy hätte er aber trotzdem ausmachen können!
Zuletzt aktualisiert am Samstag, 31. Mai 2008 um 02:07 Uhr
 

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