Home Musik Soundcheck [# 1]: Insel-Beats und Schweden-Pathos
Soundcheck [# 1]: Insel-Beats und Schweden-Pathos PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ben Fischer   
Donnerstag, 23. Juli 2009 um 00:39 Uhr
Soundcheck Vol. 1 (Bild: Pixelio/Manuel Paulus)Der Benanza-Soundcheck widmet sich in seiner ersten Ausgabe einigen interessanten Scheiben aus britischen und schwedischen Gefilden, die in den letzten Monaten die CD-Regale eroberten. Genau genommen geht es um die neuen Alben der Elektro-Punks von The Prodigy, der Elektro-Pioniere von Depeche Mode sowie der Ska-Legenden von Madness, den schottischen Indie-Artisten von Franz Ferdinand und den Schweden-Rockern von Mando Diao. Im Lieferumfang dieser Platten inbegriffen: viele gute Songs mit teilweise altbewährtem Sound.


Madness - The Liberty of Norton Folgate

Madness-Cover (Bild: Ministry O / edel)Mitte Mai 2009 geschah etwas Wunderbares: Die britische Ska-Band Madness veröffentlichte ihr neuntes Studio-Album mit dem Titel "The Liberty of Norton Folgate". Satte zehn Jahre waren da seit der letzten selbstkomponierten Platte ("Wonderful") vergangen. Doch das Warten hat sich gelohnt. "The Liberty …" ist ein rundum gelungenes Pop-Album. Ja richtig, Pop! Es kommt deutlich ruhiger und poppiger als die altbekannten Alben aus den Achtziger Jahren daher, verzichtet aber dennoch nicht gänzlich auf den Madness-typischen "Nutty Sound". Und mit "Forever Young" kann die Scheibe auch mit einer massentauglichen Hymne aufwarten, die live von der Bühne sogar noch mehr Spaß machen dürfte als im heimischen Wohnzimmer.

Um den Albumtitel zu verstehen, muss man tief in die Geschichte der englischen Hauptstadt London eintauchen. Norton Folgate ist nämlich kein in Vergessenheit geratener Bürgerrechtler oder dergleichen, sondern eine Ecke in East London. Wie andere Gebiete außerhalb der Londoner Stadttore war auch dieser Fleck bis 1900 rechtlich unabhängig von seiner Umgebung und wurde nur durch die St. Pauls Cathedral kontrolliert. Der gleichnamige Titelsong ist ebenfalls ein guter Anspieltipp und trotz seiner über zehn Minuten Länge keinesfalls langatmig. Ein weiteres Highlight ist der Song "Sugar and Spice", einmal mehr ein typischer Madness-Song mit zeitlosem Glanz.

Vier Sterne


The Prodigy - Invaders Must Die

Prodigy-Cover (Bild: Vertigo Be / Universal)Die neue Platte von The Prodigy (engl., das Wunder) ist ein Hammer – oder besser gesagt, ein Dampfhammer. Sobald die Scheibe im CD-Spieler liegt, bläst sie einem ordentlich die Ohren durch – ohne Erbarmen. Fast scheint es, als wolle Prodigy-Mastermind Liam Howlett mit seinen Beats den Albumtitel unmittelbar umsetzen. "Invaders Must Die" heißt die Devise, Eindringlinge müssen sterben, allerdings auf denkbar tanzbare Art und Weise.

Im Vorfeld war schon viel Kritik an der neuen Prodigy-Scheibe zu lesen. So schrieb etwa laut.de, sie biete nicht „viel mehr als abgehalfterter Bubblegum-Breakbeat meets Elektropunk-Gedödel“. Geschenkt! Der typische Prodigy-Sound ist in der Tat offenkundig, aber sagen wir einfach, der Wiedererkennungswert ist recht hoch. Es muss ja auch nicht immer die große Revolution sein. Howlett besinnt sich schlicht auf die Stärken von The Prodigy und liefert der Tanzwelt die guten, alten, fetten Breakbeat-Sounds. Nicht mehr, nicht weniger. Frei nach der Devise, Hirn ausschalten, Ohren aufsperren und abzappeln. Warum denn nicht? Wer Ende der Neunziger auf "The Fat Of The Land" abging, wird eine Dekade später auch "Invaders Must Die" lieben. Anspieltipps sind "Omen", "Thunder" und der brachial stampfende "Warriors Dance".

Vier Sterne


Depeche Mode - Sounds Of The Universe

Depeche Mode-Cover (Bild: Mute / EMI)Deutlich unaufgeregter kommt dagegen das mittlerweile zwölfte Studioalbum der Elektro-Urväter von Depeche Mode daher. "Sounds Of The Universe" klingt ruhiger und harmonischer, aber auch elektronischer als seine Vorgänger. Gekonnt verrührt der kreative Kopf der Band, Martin Gore, altbekannte Soundelemente mit neuen Soundschnipseln. Heraus kommt der typische Depeche Mode-Sound, der ihre Songs so unverwechselbar, aber oft auch so melancholisch macht. Auf diese Melancholie im Interview mit der WELT angesprochen sagte Gore: "Das Leben ist kein fröhlicher Popsong, unsere Songs sind der Realität geschuldet." Diese Sichtweise klingt zwar etwas eindimensional, schadet den Songs der Platte aber auch diesmal nicht wirklich. Depeche Mode ist eben Depeche Mode.

Trotz oder gerade wegen der eher sanften Töne, wohnt dem neuen Depeche-Album ein angenehm lässiger Groove inne. Songs wie "Hole to feed" und "In Sympathy" klingen einfach lässig und groovy, ohne zu langweilen. Der Song "Fragile Tension" schlägt dagegen deutlich die Brücke zu den letzten Depeche-Alben: Man könnte ihn so wie er ist auch auf "Playing the Angel" packen, es würde niemandem auffallen.

Insgesamt ist "Sounds Of The Universe" eine recht harmonische Platte geworden, eine im wahrsten Sinne runde Sache. Auch wenn auf der Scheibe keine herausragenden Knaller enthalten sind – die erste Single "Wrong" ist eigentlich schon das ruppigste, lauteste Stück. Als Gesamtwerk lässt sich die Platte gut hören und weiß zu überzeugen. Und als Schmankerl setzen Martin Gore und Sänger Dave Gahan das fort, was sie auf "Playing the Angel" begonnen haben. Sie singen im Duett ("Little Soul"). Harmonischer geht’s nicht.

Drei einhalb Sterne


Mando Diao - Give Me Fire

Mando Diao-Cover (Bild: Vertigo Be / Universal)"Give Me Fire" ist das insgesamt fünfte Studioalbum der fünf Schweden von Mando Diao, die sich einst nach einem Traum ihres Frontmannes Björn Dixgård benannte, in dem ihm ein Mann diese Worte entgegen geschrien haben soll. In einem Interview sagte Dixgård dem Deutschen Depeschendienst (ddp), dass sich die Band bei ihrer neuen Platte von Film und Fernsehen beeinflussen ließ. Die Scheibe solle klingen wie ein Quentin Tarantino-Soundtrack, so Dixgård. Ob man auf diese Verbindung auch ohne die erläuternden Worte gekommen wäre, soll mal dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall ist "Give Me Fire" ein eher unkonventionell produziertes Album – ein Attribut, das natürlich auch auf Tarantino-Filme zutrifft. So wähnt sich der Hörer phasenweise in einem Live-Mitschnitt, etwa bei der Überleitung zwischen den sehr hörenswerten Single-Auskopplungen "Dance with somebody" und "Gloria".

Neben den genannten tanzflächenfähigen Songs ist das neue Mando Diao-Album ein abwechslungsreiches Hörerlebnis. Die Songs klingen unglaublich leidenschaftlich und bestechen einmal mehr durch wunderbar kratzbürstigen Gesang, der wohl so etwas wie das Markenzeichen schwedischer Rock-Bands ist – jedenfalls erinnert der Gesang stark an die rotzig-frechen Töne von The Hives-Frontmann Pelle Almqvist. Das Album vereint klassische Rock 'n' Roll-Songs ("Mean Street") mit Gefühlsnummern wie dem melancholischen "Crystal" und den bereits genannten Tanzflächen-Hits ("Dance with somebody"). Hörenswert ist auch der Titelsong "Give Me Fire", der an Pathos kaum zu überbieten ist. Alles in allem also eine Platte die richtig Spaß macht.

Vier Sterne


Franz Ferdinand - Tonight: Franz Ferdinand

Franz Ferdinand-Cover (Bild: Domino / Indigo)Schon vor Längerem erschien das dritte Album der schottischen Rock-Avangardisten von Franz Ferdinand. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um ein Live-Album. Nachdem die Schotten mit den beiden Vorgängerplatten nicht nur die Euphorie, sondern auch die Erwartungshaltung weit nach oben gespielt haben, wagen sie nun so etwas wie eine Weiterentwicklung. So kommen die neuen Songs teilweise mit einer deutlich elektronischeren Beimischung daher, die sich am Ende des fast acht Minuten langen Songs "Lucid Dreams" sogar vollflächig entfalten darf. Aber auch an anderer Stelle hebt sich die Scheibe von ihren hervorragenden Vorgängern ab.

Ob die Schotten mit "Tonight" die hohen Erwartungen erfüllen konnten, ist angesichts der beiden hoch gejubelten Vorgängerplatten schwierig zu sagen. Klingt ein neues Album zu sehr nach dem vorausgegangenen Erfolgen, ist der Vorwurf der Selbstkopie schnell bei der Hand. Hebt es sich dagegen von diesen zu sehr ab, sind die akustisch verwöhnten Fans schnell mal enttäuscht. Im Falle von "Tonigt" trifft irgendwie beides zu: Manche Songs klingen vertraut ("Send him away"), andere irgendwie fremd ("Dream again").

Natürlich warten Franz Ferdinand auch auf ihrem dritten Album mit den für sie typischen Tempo- und Stilwechseln auf, die sie in den einzelnen Songs gekonnt in einander übergehen lassen. Auch besticht einmal mehr die lässige Coolness der Songs. Doch die durchgängige Begeisterung, die etwa die selbstbetitelte Debütplatte entfachte, versprüht "Tonight" beim Hören nicht mehr. Und so ist Franz Ferdinands Dritte zwar eine gute Platte, aber eben kein weiterer Meilenstein.

Drei Sterne
Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 23. Juli 2009 um 00:57 Uhr
 

Kommentar hinzufügen

Dein Name:
Betreff:
Kommentar:
 

Anmeldung



Wer ist online

Wir haben 135 Gäste online

Übersetzung