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Horrorvision Hoffenheim? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ben Fischer   
Freitag, 31. Oktober 2008 um 01:32 Uhr
KOMMENTAR - Jetzt ist es also passiert. Die Turn- und Sportgemeinschaft 1899 Hoffenheim beherrscht das Fußball-Oberhaus, lässt namhafte Clubs wie den FC Bayern München, den Hamburger SV oder Schalke 04 hinter sich. Die gute alte Bundesliga erlebt ihr blaues Wunder. Und Spiegel Online feiert die Hoffenheimer schon als "die größte Attraktion der Bundesliga". Realisiert sich nun endgültig die länger befürchtete Horrorvision Hoffenheim? Und soll man sich nun ärgern oder eher freuen, über einen neureichen Verein, der attraktiven, technisch hochwertigen und vor allem torreichen Fußball zeigt?

Goethe ließ seinen Faust einst klagen: "Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust". Mir geht es in dieser Sache inzwischen ähnlich. Es gibt gute Gründe, das Projekt Hoffenheim abzulehnen. Schließlich kann nicht jedes Dorf auf der großen Bundesliga-Bühne tanzen; ja eigentlich sollten Dorfvereine nicht mal in die Nähe dieser Bühne kommen. Aber hier liegt auch schon der erste Irrtum. Die TSG Hoffenheim ist mitnichten ein Dorfverein - zumindest nicht mehr. Schon in der zweiten Liga war der der Club, dank Vadder Hopp, finanziell potenter als manch eingesessener Bundesliga-Club. Die TSG-Spieler fahren bestimmt nicht mit dem Trekker zur Arbeit sondern mit teuren Sportwagen. Insofern ist auch der gelegentlich bemühte Vergleich mit dem kleinen Gallischen Dorf im großen Römischen Reich mehr als hinkend.

Tradition kann man nicht kaufen, darin sind sich alle "echten" Fußballfans einig. Doch drehen wir es einmal um. Was kann man sich für Tradition denn eigentlich kaufen? Fans von Waldhof Mannheim etwa, die aus nächster Nähe den Aufstieg der Provinz verfolgen dürfen, müssten hier laut "Nichts" schreien. Andererseits ist es gerade auch die Tradition, die in der kommerzialisierten Fußballwelt Emotionen hervorruft - und sich nebenbei auch wunderbar vermarkten lässt. Hoffenheim hat keine Tradition im Profi-Fußball und damit einen Vermarktungsnachteil. Die anfangs noch fehlenden Emotionen weckte das Team aber mittlerweile dennoch - dank seines gleichermaßen beherzten wie erfolgreichen Offensivspiels. In zehn Spieltagen schoss die junge Hoffenheimer Mannschaft schon 27 Tore, die meisten der Liga. Da kommen die zunehmend eventorientierten Zuschauer moderner Prägung wahrlich auf ihre Kosten und dürften in Hoffenheim vielleicht sogar ihren neuen "Lieblingsverein" gefunden haben.

Allerdings sind das Traditions- und das Größenargument eher nebensächliche Faktoren im Vergleich zum Wettbewerbsargument. SAP-Mitgegründer Dietmar Hopp hat Millionen in sein Fußballbaby gesteckt und der TSG Hoffenheim damit zwischen 1990 und 2008 den Aufstieg aus der Kreisliga A bis in die Bundesliga ermöglicht. Daneben hat er bereits erfolgreich ein Handballbaby (Rhein-Neckar-Löwen) und ein Eishockeybaby (Adler Mannheim) mit der Geldspritze hochgepeppelt. Indem er sich für seinen Ausflug in den Profifußball ausgerechnet seinen ehemaligen Dorfclub ausgesucht hat, und nicht etwa das benachbarte Waldhof Mannheim, verzichtet er sogar auf die Maskerade eines abgehalfterten Traditionsclubs. Damit wird der Fußballwelt schmerzlich vor Augen geführt, was möglich ist, wenn Geld auf Kompetenz trifft. Der Durchmarsch an die Tabellenspitze der Bundesliga ist daher kein Zufall, denn erst in der Bundesliga ist die TSG finanziell unter ihresgleichen angekommen.

Den Erfolg der Hoffenheimer nur am Geld festzumachen, wäre allerdings zu einfach. Nichts verbrennt schneller als schlecht investierte Moneten. Gepaart mit guten Konzepten und fachlicher Kompetenz sind die Hopp-Millionen jedoch ein echter Wettbewerbsvorteil. Und Hoffenheim hat diesen Vorteil mit Geschick und Fortune genutzt um richtig gute Leute zu verpflichten. Wir sprechen von Spielern, Trainern und Beratern, die sich die bisherigen Liga-Konkurrenten nicht hätten leisten können. Darunter Talente wie der Brasilianer Carlos Eduardo, der mit acht Millionen Euro teuerste Zweitliga-Spieler aller Zeiten, den bestimmt nicht nur die gute Landluft in die Provinz gelockt hat.

Macht das Beispiel Hoppenheim Schule, könnte die Bundesliga in einigen Jahren nie geahnte Spielpaarungen aufrufen. In Ingolstadt blästbereits der nächste Retortenclub (durch Fusion der ehemaligen Lokalrivalen MTV Ingolstadt und ESV Ingolstadt) zum Angriff auf die erste Liga. Ob sich der sagenhafte Aufstieg der TSG Hoffenheim einfach wiederholen lässt, bleibt natürlich abzuwarten. Auch wenn der Club die Bundesliga zur Zeit belebt, zu wünschen wären ihr weitere Hoffenheime nicht. Wenn eines Tages nur noch von Mäzenen vergoldete Krümel auf dem großen Kuchenteller tanzen, ist vom Kuchen selbst nicht mehr viel übrig.
Zuletzt aktualisiert am Samstag, 01. November 2008 um 01:48 Uhr
 
Kommentare (2)
Was macht dieser Gaul heute?
2 Samstag, 01. November 2008 um 23:08 Uhr
Ben Fischer
Unglaublich, wenn Spiegel Online hier - wovon auszugehen ist - richtig liegt, dann müsste man doch wirklich mal diesen Wielfried Gaul befragen, was er zu den Hoffenheimer Höhenflügen sagt. Als Jünger des 1. Fußballclub Köln muss man zwar den Ball flach halten (Stichwort: Andrej Schewtschenko), aber dennoch dürfte sich dieser Herr doch in den letzten Jahren den ein oder anderen Spott angehört haben... Na immerhin machen die Hoffenheimer nun das Mannheimer Carl-Benz-Stadion voll. Blöd nur, dass das der Stadt Mannheim gehört.
TSG Hoffenheim statt Waldhof Mannheim im Europapokal
1 Samstag, 01. November 2008 um 10:02 Uhr
Rainald Benzler
In Spiegel-Online ist das Waldhof-Kapitel aus Christoph Rufs Buch "Ist doch ein geiler Verein" veröffentlicht. Darin findet sich auch Erhellendes, warum nun die TSG demnächst Real Madird das Fürchten lehrt und die Waldhof-Buben in den Niederungen des deutschen Amateurfußballs verharren. Zitat: "(..)Das Spiel geriet schnell zur Nebensache, denn auf der Tribüne ward Dietmar Hopp gesichtet. Und siehe da, der zeigte sich angetan von dem Vorschlag, den Waldhof wieder nach oben zu bringen. Auch seine Bedingung für einen Einstieg war alles andere als unverschämt: Einen Vertrauten wolle er in den Vorstand entsenden – eine Forderung, die selbst eingefleischteste Basisdemokraten eigentlich nicht maßlos finden können. Anders sah das jedoch Wilfried Gaul, der damalige Präsident, der sich jede Einflussnahme strikt verbat und Hopp und dessen Millionen somit vor die Tür setzte. Einige Tage später erschien in der FAZ eine Anzeige: "Nordbadischer Traditionsverein sucht Werbepartner." Auf die Anzeige meldete sich niemand. (...)" Die Retortenliga droht also, weil weiland Herrn Gaul die Gäule durchgingen ! Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,581236,00.html

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