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Schmieren für Anfänger PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ben Fischer   
Montag, 29. September 2008 um 00:00 Uhr
Schmiergeld (Bild: pixelio/h.lunke)Wochenendbeilagen von Tageszeitungen sind etwas Wunderbares - wenn man denn die Zeit hat, sie zu lesen. Gut, dass Die Bahn hier mit großzügig bemessenen Verspätungen Freiräume schafft, von denen man vorher gar nichts ahnte. So darf ich nun von einer Perle berichten, die ich in einer der letzten Weekend-Beilage der Financial Times Deutschland fand. Benjamin Prüfer, ein in Kambodscha lebender Journalist und Buchautor, klärt darin äußerst humorvoll über die große Kunst des Bestechens auf - gerade bei Reisen in “junge Demokratien” eine offenbar fast alltäglich benötigte Übung.

Also wie schmiert man nun richtig? Diese Frage stellt auch der Autor seinem Text voran, um dann in zwölf Schritten zum perfekten Bestechen korrupter Beamten und Entscheidungsträger anzuleiten. Klar, eigentlich ist das Thema Korruption für jeden rechtschaffen denkenden Mitteleuropäer eher unangenehm. Prüfer widmet sich dem Phänomen aber mit einer Leichtigkeit, die mich nicht nur schmunzeln, sondern laut lachen ließ.

Das fängt schon mit dem dringenden Rat an, Polizisten in “jungen Demokratien” - sei es nun in Afrika, Russland oder Südostasien - unbedingt aus dem Weg zu gehen, sind sie doch vor allem daran interessiert, ihre knappen Bezüge durch die Ahndung von Phantomvorwürfen aufzubessern (“Fahren mit Licht bei Tage”). Spontan schossen mir weitere ahndungswerte Verbrechen in den Kopf, die man vielleicht in einer Phantom-Verkehrsordnung für korrupte Polizisten zusammenstellen könnte: Lautes Singen am Steuer oder Parken ohne Bundeswehr-Parker versprechen durchaus lukrative Einnahmen.

Weitere Tipps auf dem Weg zum perfekten Schmierer sind etwa, auch beim Bestechen stets den Schein zu wahren, also nicht von Schmiergeld sondern von “Gebühren” oder “Steuern” zu sprechen und das falsche Spiel mitzuspielen. Auch gilt es, moralische Bedenken zurückzustellen und natürlich nie die Polizei zu rufen, das macht das Problem ja nur noch teurer (mein Ordnungswidrigkeitsvorschlag: “Ungebührliches Hilferufen”). Und natürlich sollte man sich vorher auch in punkto Schmiergeld über die Gepflogenheiten seines Reiselandes erkundigen. Auf diese Weise könne man die Reiseunterlagen entsprechend vorbereiten.

Mein persönlicher Lieblingstipp ist aber das “gefühlvolle Schmieren”. Prüfer zeigt hier große Menschenkenntnis. Nur weil einer korrupt ist, bedeutet das nicht, dass er kein Ehrgefühl hat. Soll heißen, schmiert man zu offensichtlich wäre das als sage man, ich zitiere: “Da hast du mein Geld, du korrupter Arsch!” Besser also die “Gebühren” zwischen die Dokumente legen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Was bleibt einem auch anderes übrig?

Was also könnte die Erkenntnis meiner Lobhudelei über Benjamin Prüfers wunderbaren Artikel sein? Nun, bei Reisen in “junge Demokratien” läuft es wie geschmiert wenn man das nötige Kleingeld dabei hat. Dagegen hilft bei Reisen mit der Bahn auch Schmieren nicht, sondern nur Sitzfleisch und etwas Melissengeist für die Nerven. Und außerdem müssen mehr Wochenendbeilagen von Tageszeitungen gelesen werden!

Originalartikel: “Schmier gewinnt” von Benjamin Prüfer in Financial Times Deutschland, Ausgabe vom Freitag, 12. September 2008; Online nachzulesen unter dem Titel "
Der Kniff mit der Korruption"

Bild: Pixelio / h.lunke


Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 01. Oktober 2008 um 22:59 Uhr
 

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