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Die Woche der Wahrheit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ben Fischer, Rainald Benzler & Sven Gebauer   
Sonntag, 11. Mai 2008 um 23:53 Uhr
Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer)… oder wie der 1. FC Köln in nur einer Woche aus einer durchwachsenen Saison eine Erfolgssaison machte. Die Ausgangslage vor dem 31. Spieltag der zweiten Liga war unmissverständlich: ab jetzt zählten für die viertplazierten Kölner nur noch Siege. Hoffenheim, Augsburg und Mainz hießen die Gegner, über die der Weg ins Oberhaus der Liga führt. Und diese, zur Woche der Wahrheit hochstilisierten Tage im Mai 2008 werden vielen FC-Fans wohl lange in Erinnerung bleiben.

Viel wurde geschrieben, viel wurde diskutiert. Hat dieser FC das Zeug zum Aufstieg? Kann der Trainerfuchs Daum sein Team auf den Punkt motivieren? Und wird der FC endlich einen – oder gar zwei – Mitkonkurrenten besiegen? Um es vorwegzunehmen, die Antwort lautet ja! Als Einzigem der verbleibenden Aufstiegsaspiranten gelang es der Geißbockelf in der heißen Phase mit drei klaren Siegen für ebenso klare Verhältnisse zu sorgen. Der Lohn dafür ist der vierte Aufstieg des ehemaligen Bundesliga-Dinos, dank der schwächelnden Konkurrenz sogar schon einen Spieltag vor Saisonende. Benanza Online war hautnah dabei, bei diesem Aufstieg in drei Akten.

1. FC Köln vs. TSG 1899 Hoffenheim [3 - 1]
Rheinenergiestation, 4. Mai 2008, 50.000 Zuschauer

Woche der Wahrheit (Bild: Benanza Pix)Vor dieser Saison hätte wohl kaum jemand geglaubt, dass der „große 1. FC Köln“ vier Spieltage vor Ende der Saison in ein packendes Aufstiegsduell mit einem „kleinen Dorfverein“ aus dem Rhein-Neckar-Kreis gehen würde. Doch vor dieser Partie – 30 Spieltage später – zweifelten viele sogar daran, dass der FC gegen die besser platzierte TSG Hoffenheim den dringend benötigten Sieg einfährt. Wie schön, dass man sich so täuschen kann.

Woche der Wahrheit (Bild: Benanza Pix)Die Kulisse bot einen perfekten Rahmen für den Auftakt dieser entscheidenden Woche. Bestes Fußballwetter und ausverkauftes Haus: 50.000 wollten den FC zum Sieg gegen die in der Rückrunde nahezu unbezwingbaren Gallier aus Hoffenheim schreien, deren Zaubertrank den Namen Dietmar Hopp trägt. Daher waren auch viele Einwohner Hoffenheims dem Ruf des Mäzens gefolgt und nach Köln gekommen, was bei knapp über 3.200 Einwohnern aber nicht viel heißt. Fankultur kann man (noch) nicht kaufen. Dagegen zieht die unerschütterliche Strahlkraft des Geißbock-Clubs selbst schon Dreijährige in ihren Bann.

Auch das Spiel selbst wurde seiner Bedeutung gerecht. Man erkannte schnell, dass Hoffenheim spielerisch vollkommen zu Recht um den Aufstieg mitmischte. Doch auch Köln war nicht wiederzuerkennen und erarbeitete sich viele Torgelegenheiten, von denen eine nach gut 20 Minuten zur verdienten FC-Führung durch einen Novakovic-Kopfball führte. Das Stadion war aus dem Häuschen, wurde aber schon kurze Zeit später durch den Hoffenheimer Ausgleich per Elfmeter wieder auf dem Boden des Liga-Alltags geholt.

Woche der Wahrheit (Bild: Benanza Pix)Jetzt war es ein offener Schlagabtausch und die Spannung ergriff jeden im Stadion. Ging dieses Spiel verloren, würde Hoffenheim nicht nur drei Punkte, sondern auch jede berechtigte Hoffnung auf einen FC-Aufstieg entführen. Und dann zappelte der Ball im Netz. Ümit packte eine unglaubliche Flanke mit dem Außenrist aus, die „Novagoal“ per Kopf auf den zielsicheren Antar ablegte. Der Bann war gebrochen. Einige Minuten später hämmerte Kölns Mohamad das Leder aus 18 Metern zum 3-1 in den Winkel und das Stadion stand einmal mehr Kopf.

Der Emporkömmling aus Hoffenheim war geschlagen. Kollektiv fiel der rot-weißen Meute ein Stein vom Herzen. Die Woche der Wahrheit konnte also weitergehen. Der FC war weiter im Rennen, dem Rennen um den Aufstieg, aber auch dem Rennen darum, der eigenen Verantwortung als Aufstiegsfavorit der Liga gerecht zu werden. (Ben Fischer)

FC Augsburg vs. 1. FC Köln [1 - 3]
Rosenaustadion, 7. Mai 2008, 17.124 Zuschauer

Woche der Wahrheit (Bild: Rainald Benzler) Akt zwei der Woche der Wahrheit für den 1. FC Köln führte mich in die schwäbisch geprägten Regionen des Freistaats Bayern. Der FC Augsburg lud bei herrlichem Sonnenschein am 32. Spieltag ins weite Rund des Rosenaustadions, das fernab des allgemeinen Arenawahns noch den Charme der Vor-Bosman-Ära versprüht. Die Augsburger um die alten Bekannten Benschneider, Szabic und Manager Rettig zeigten sich äußerst gastfreundlich und spielten eine halbe Stunde vor Spielbeginn sogar die FC-Hymne ein. Ein weiteres Schmankerl: in der Stadionzeitung wird Matthias Scherz als unverzichtbarer Bestandteil der Kölner Startelf herausgestrichen.

Augsburg, Heimat von Größen wie Bernd Schuster, Armin Veh und Helmut Haller, kämpft in dem für Aufsteiger stets als besonders schwierig geltenden zweiten Jahr nach dem Aufstieg um den Klassenerhalt. Ein gewisser Aktionismus spricht aus dem Umstand, dass mit Holger Fach in dieser Saison bereits der dritte Übungsleiter sein Glück probiert.

Woche der Wahrheit (Bild: Rainald Benzler) Die Kölner – zu meinem Leidwesen mal wieder in blauen Trikots – gingen früh nach einem feinen Zusammenspiel von Broich und Helmes durch ebendiesen in Führung und verteidigten diesen Vorsprung sehr effektiv, ehe Novakovic, wiederum nach prächtiger Zuarbeit von Broich, mit dem Halbzeitpfiff auf 2-0 erhöhte. Wer nach der Pause die gewohnte Kölner Panikphase erwartete, sah sich getäuscht. Mondragon sorgte mit einem tollen Abschlag dafür, dass erneut Helmes einnetzen und die Männer an der Anzeigetafel bei den Gästen die Tafel mit der „3“ einhängen konnten. Danach plätscherte die Partie dahin, die Fugger-Städter verkürzten noch auf 1-3.

Verwunderlich war nur, dass bei helllichtem Tag das Flutlicht eingeschaltet wurde. Auch davon ließen sich die rund 2.000 Kölner Anhänger nicht irritieren und feierten die Ausrutscher der Konkurrenz aus Mainz und Freiburg. Schön zu hören, dass der FC auch viele Freunde im Schwabenland hat (also nicht nur in Rio und Rom), obgleich „En unsrem Veedel“ auf schwäbisch-kölsch schon etwas kurios klang.

Mitgenommen wurden neben den drei Punkten die Erkenntnis, dass die Augsburger sympathische Gastgeber sind, bei denen die Zeit noch ein wenig stehen geblieben ist (Bier gab es nur mit Alkohol!). Doch außerhalb der Stadtmauern gab es bereits den ersten Spatenstich für die neue „impuls arena“, die im Sommer 2009 ihre Pforten öffnen wird. (Rainald Benzler)

1. FC Köln vs. FSV Mainz 05 [2 - 0]
Rheinenergiestadion, 11. Mai 2008, 50.000 Zuschauer

Woche der Wahrheit (Bild: Benanza Pix) Es ist heiß in der Linie 1 Richtung Weiden-West. Ich hasse die Straßenbahnfahrt vom Neumarkt zum Stadion, jedenfalls wenn die Bahn voll ist. Und heute, bei bestem Sonnenschein, ist sie proppenvoll. Proppenvoll mit Fans in Rot-Weiß, die das „Endspiel“ zwischen dem FC und Mainz 05 sehen wollen. Die Bahn schleppt sich über die Ringe, stockt und stoppt immer wieder. Vergleichsweise ruhig, fast angespannt, warten die Fans auf ihre Station. Für beide Clubs geht es um alles. Die Bahn überquert den alten Militärring und langsam öffnet sich der erste Blick auf das RheinEnergieStadion. “Wow, so ein großes Stadion sind wir nicht gewöhnt in Mainz“, sagt eine Anhängerin im FSV-Trikot anerkennend. Dann steigen die Massen aus.

Ich lasse das Stadion zunächst links liegen und gehe noch in Richtung unserer FC-Stammkneipe an der Aachener Straße. Die Kumpels warten schon mit einem Kranz Kölsch. Die Tipps gehen von 2-1, 2-0, 1-0 bis hin zu „einem langweiligen 4-4.“ Plötzlich Unruhe, Schmäh-Rufe, Mittelfinger werden in die Luft gereckt - Der Mannschaftsbus der 05er fährt vorbei. Dann noch eine Bratwurst und auf geht’s.
Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer)
 Hin zum Stadion wähle ich extra einen Umweg. Heute möchte ich durch das alte Tor mit dem Schriftzug „Stadion“, direkt an der Straßenbahnstation, hindurch laufen. Ich genieße den Blick auf die Türme unseres Schmuckkästchens vor dem azurblauen Himmel und denke mir: „Das ist doch was anderes, als manch ein Wellblechpalast.“

Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer) Im Stadion holen wir uns erst ein Bier. Als die Mannschaftsaufstellung beginnt, gehen wir endlich in den Block im Oberrang Süd. Die Ränge sind bereits voll besetzt. Die Fans brüllen uns ein krachendes „Mondragon“ entgegen. Zehn weitere Namen folgen und ich glaube, niemals zuvor die Mannschaftsaufstellung so laut von den Zuschauern gehört zu haben. Bereits jetzt spürt man die Entschlossenheit der Fans: Heute wollen sie sich die drei Punkte notfalls erbrüllen. Der Siegeswille ist größer als die Angst vor dem Aus. Dann der vorläufige emotionale Höhepunkt - die Hymne. Ich verpasse sie niemals, weil sie die ganze Zuneigung und Identifikation zum Club zum Ausdruck bringt. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer)Endlich ist Anpfiff. Nach einigen harten Zweikämpfen in der Anfangsphase dann kollektives Ausrasten in der 20. Spielminute: Roda Antar verwandelt eine Eckballvorlage von Umit Özat mit dem Kopf zum 1:0. Ein Kopfball, der jede Anspannung explosionsartig löst. Das muss man selbst erlebt haben, die Zuschauer springen, hüpfen, tanzen, fallen übereinander; ein echter Tor-Pogo. Mein Kumpel kommt mit mehreren Bechern Bier; er hat das Tor verpasst und besteht darauf, für den Rest des Spiels als einziger Bier zu holen, damit weitere Treffer für den FC fallen.

 Und der FC legt nach: Mitten in die Euphorie des Führungstreffers das vermeintliche 2:0 (26.) durch Super-Nova. Doch das Tor zählt nicht. Keiner weiß warum, vermutlich Abseits. Das Tollhaus hat sich gerade beruhigt, da hämmert Patrick Helmes einen Distanzschuss knapp am Gehäuse von Ischdonat vorbei (27.). Ich ärgere mich, es könnte schon 3:0 stehen. Kurz darauf bekommt ein Sitznachbar eine SMS: Der Treffer von Nova war regulär. Halbzeit.

Der zweite Durchgang beginnt mit verbesserten 05ern, die durch Subotic die Latte treffen. Nova macht es fast im Gegenzug Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer)ähnlich, als er das Leder aus aussichtsreicher Position an den Pfosten hämmert. Stück für Stück gewinnt Mainz nun mehr Spielanteile. Mir geht durch den Kopf: „Macht nicht wieder denselben Fehler. Spielt nach vorn!“ Die Anspannung ist kaum auszuhalten. Wieder und wieder peitschen die Zuschauer ihr Team nach vorn, die Stimmung ist gigantisch. Dann die Erlösung: Einen Bilderbuch-Konter über Nova und Helmes schließt Antar technisch versiert zum 2:0 ab (66.). Nun gibt es kein Halten mehr. Kollektives Ausrasten auf den Rängen, der Jubel überschlägt sich. „Nie mehr zweite Liga“ singen die Fans. Mainz kommt noch einmal gefährlich vor den Kasten von Mondragon, dann ist Schluss.

Woche der Wahrheit (Bild: Sven Gebauer) Faryd Mondragon sinkt auf die Knie, reckt die Arme in den Himmel und sinkt auf den Rasen. Sofort wird er von Mitspielern begraben, alle fallen übereinander. Und immer wieder „nie mehr zweite Liga, nie mehr, nie mehr.“ Binnen Sekunden sind die ersten Fans auf dem Feld. Einige Ordner versuchen sie aufzuhalten, der Stadionsprecher bittet die Fans um Geduld. Doch im nu sind ein-, vielleicht zweihundert Fans auf dem Rasen. Ich denke noch, hoffentlich geht das gut. Doch nach wenigen Minuten geben die Ordner auf und der Platz wird für die erste „Pitch Invasion“ im RheinEnergieStadion freigeben. Nun strömen aus allen Richtungen Fans auf den Rasen und verwandeln den Innenraum in ein Meer mit rot-weißen Fahnen und Schals. Umarmungen wo man nur hinschaut. Ein Bild der Freude, das schon fast unwirklich anmutet. Die Regie improvisiert und schickt die Mannschaft auf die Ehrentribüne. Hier lassen sich die Spieler von den Massen auf dem Rasen feiern. Als ich mit meinem Kumpel schließlich auch das Grün erreiche merke ich erst, dass dies in fast 30 Jahren FC-Fan-Dasein der außergewöhnlichste, ja sogar schönste Moment ist. Dabei handelt es sich doch nur um den vierten Aufstieg aus der zweiten Liga. (Sven Gebauer)
Zuletzt aktualisiert am Samstag, 05. Juli 2008 um 00:45 Uhr
 

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