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Die Schmach von Cordoba PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ben Fischer   
Samstag, 14. Juni 2003 um 12:14 Uhr
Argentinien im Sommer 1978, wie von Sinnen schreit der kräftige Reporter mit dem charmanten österreichischen Zungenschlag: "Tor, Tor, Tor, Tor, Tor, Tor. I wer naarrisch - Krankl schießt ein, 3-2 für Österreich. Meine Damen und Herren wir folln uns um den Hols, da Kollege Riefel, da Diplomingenieur Bosch, wir busseln uns ob." Sowohl Österreichern, als auch uns Deutschen ("Piefkes") dürfte dieser Kommentar von Reporterlegende Edi Finger gleichermaßen stark in Erinnerung geblieben sein. Allerdings könnten die Gefühle, die mit diesen Worten auf beiden Seiten verbunden werden unterschiedlicher nicht sein. Während Österreicher noch heute glänzende Augen bekommen und sich nur allzu gern zurückerinnern, sprechen die Deutschen nur beschämt von der Schmach von Cordoba.

Es ist der 21. Juni 1978, Weltmeisterschaft in Argentinien und der amtierende Weltmeister Deutschland trifft im Stadion "Chateau Carreras" in Cordoba auf seinen österreichischen Nachbarn. Nach einer bislang eher mittelmäßigen WM-Vorstellung des Titelverteidigers, der wegen interner Querelen ohne Franz Beckenbauer angetreten war, musste nun im letzten Spiel der zweiten Finalrunde unbedingt ein Sieg her. Eigentlich ein Selbstläufer, hatte Österreich doch seit 47 Jahren nicht mehr gegen Deutschland gewonnen. Doch es kam anders. Nachdem Berti Vogts mit seinem Eigentor Starthilfe gegeben hatte, besiegelte Hans Krankl mit zwei weiteren Toren das sensationelle Aus des deutschen Weltmeisters. Die ihrerseits schon ausgeschiedenen Österreicher hatten dem großen Nachbarn den Todesstoß versetzt.

Noch heute zuckt so mancher Deutsche innerlich zusammen, wenn er mit dem unverkennbaren Akzent unserer alpenländischen Nachbarn auf dieses Spiel angesprochen wird. Hingegen sprechen Letztere äußerst gern mit Deutschen über diesen einzigartigen Sieg. Wenn Österreich schon nie große WM-Erfolge feiern durfte, so ist dieses Spiel doch so etwas wie ihr heimlicher WM-Titel. Daher verwundert es auch nur wenig, dass gerade in diesen Tagen, 25 Jahre nach dem "Wunder von Cordoba", unsere österreichischen Nachbarn allen Ortens feierliche "Cordoba-Parties" veranstalten. Ein Partymotto, das in Deutschland angesichts unserer Interpretation dieses Spiels als "Schmach von Cordoba" gerade mal den Aufhänger für ein sinnloses Massenbesäufnis abgeben könnte. Nicht so jedoch in Österreich. Noch einmal flimmern die ruhmreichen 90 Minuten von Cordoba über den Bildschirm, umrandet von Live-DJs und Souvenirständen. Noch einmal schreit Edi Finger nach Abramczik's vergebener Ausgleichschance kurz vor Schluss: "Abbusseln möcht ich ihn, den braven Abramczik." Noch einmal feiert Austria seinen größten WM-Erfolg.

Doch gönnen wir unseren Nachbarn dieses Fest. Denn anders als unsere deutschen Kicker, die ihren Hals letztlich immer gerade noch aus der Schlinge ziehen und schon mal durch Zufall Vize-Weltmeister werden, herrscht in Österreich Tristesse. Viele Österreicher hätten ihren Glauben an eine Endrundenteilnahme sicherlich schon längst aufgegeben, wäre da nicht das Jahr 2008. Die Vergabe der Europameisterschaft 2008 an die Alpenländer war dabei jedoch nicht nur eine weise Zukunftsentscheidung, sondern letztlich auch hochverdient. Gerade das österreichische Nationalteam hat in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass es nicht nur nehmen, sondern auch geben kann. Allem voran, reichlich Punkte an ambitionierte Fußballzwerge. Heimlich, still und leise hat sich Österreich zu einem selbstlosen Entwicklungshelfer in Sachen vormals unbedeutender Nationalteams gemausert. Die Faröer Inseln, Lettland und nun auch Moldavien waren mit Sicherheit nur ein erster Schritt im österreichischen Entwicklungsprogramm. Weitere werden folgen.

So wird es ihnen die mongolische Nationalmannschaft vermutlich ewig danken, wenn sie bei der WM 2078 im eigenen Land Deutschland mit 1-0 im Finale bezwingt und sich die vorangegangenen Siege der Mongolei gegen Österreich endlich auszahlen. Gemeinsam mit ihren mongolischen Freunden werden die Österreicher auch diesen WM-Erfolg auf Jahrzehnte hinweg feiern, während wir Deutschen fortan nur beschämt von der Schmach von Ulan Bator sprechen werden.

Dieser Artikel ist ursprünglich im BENANZA BLIZZARD erschienen.
Zuletzt aktualisiert am Montag, 16. Juni 2008 um 12:28 Uhr
 

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