Home Panorama Kurzgeschichten Karneval für Anfänger
Karneval für Anfänger PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Karin Langosch   
Sonntag, 15. Juni 2008 um 14:56 Uhr
Das nervtötende Quäken des Weckers ließ sich einfach nicht länger ignorieren. Blind tastete er nach der Snooze-Taste. Ah, endlich Ruhe. Probeweise öffnete Dr. Philipp von Lombard, Jung-Geschäftsführer des in Bonn ansässigen Eierlikörherstellers Einermann, die Augen. Das ihm in die Augen scheinende Sonnenlicht versengte lasergleich die dahinterliegende Hirnmasse. Zumindest fühlte es sich so an. Oh Mann, was für ein Brummschädel! Selbst seine sich bereits etwas lichtenden Haare schmerzten. 

Stöhnend setzte sich Philipp im Bett auf. Oh, Karussellfahrt war angesagt. Als die Umgebung aufhörte, sich zu drehen, wagte er einen Blick auf den Wecker. Verdammt, schon zwei Minuten nach acht! Heute war Freitag, der Tag nach Weiberfastnacht. Philipp griff nach der neben dem Bett stehenden Wasserflasche. Wieviel hatte er eigentlich getrunken? Viel, dem Durst und den anderen Vergiftungserscheinungen nach zu urteilen. Dabei hatte er sich doch so vorgenommen, bei der albernen Karnevalsfeierei nicht mitzumachen. Schließlich hatte er aufgrund seines jugendlichen Alters von gerade mal 30 Jahren ohnehin einen schweren Stand, die Akzeptanz seiner überwiegend älteren Untergebenen zu erringen. Und er war gerade erst dreieinhalb Monate im Betrieb. Die innovativen Ideen für die gesamte Ablauforganisation, die er während der von ihm neu eingeführten wöchentlichen Management-Meetings präsentiert hatte, waren von seinen Abteilungsleitern bisher mit offenem Misstrauen aufgenommen worden. Die von ihm erstellten Folien und Graphiken für die Zielplanung wurden nur mit schlecht verhohlener Geringschätzung quittiert. “Nä, Herr Doktor , so wie wir das bisher gemacht haben, hat dat auch immer janz prima jeklappt.” meinte Herr Schmitz, der Betriebsleiter Vertrieb und Philipps Stellvertreter, ein Kölner Original. Vielleicht war es auch nur Phlipps hanseatisch zurückhaltende Art. Hamburger und Rheinländer hatten nun mal eine grundverschiedene Mentalität. Und dabei hatte er gerade mal einen Bruchteil dessen, was ihm an Reorganisation für das Unternehmen vorschwebte, angesprochen. Aber bei Herrn Schmitz löste allein das Wort Synergieeffekte schon ein nervöses Muskelzucken unter dem Auge aus. Vielleicht sollte er dem ollen Schmitz mal sagen, dass das nichts Ansteckendes ist.

Philipp erhob sich vorsichtig aus dem Bett und ging unter die Dusche, er musste es irgendwie noch schaffen, bis neun Uhr im Betrieb zu sein. Schließlich hatte er mit gutem Beispiel voranzugehen. Während das heiße Wasser auf ihn herunterprasselte, setzte plötzlich und unerwünscht die Erinnerung an einige Ereignisse des letzten Abends ein: Hatte er wirklich mit Juanita Mayer, der korpulenten, stets zu grell geschminkten Kantinenchefin, Salsa getanzt? Dabei konnte er doch gar nicht Salsa tanzen - sie hingegen schon, das musste wohl das Erbe ihrer kubanischen Mutter sein, von der sie ihm gestern abend erzählt hatte. Und hatte er wirklich mit Herrn Schmitz, also ab jetzt Jupp, Brüderschaft getrunken? Mit Jupp hatte er ein langes bierseliges Gespräch geführt über Gott und die Welt und dessen Kummer, dass sein Sohn, der nur drei Jahre jünger war als Philipp, gerade den zweiten Studiengang abgebrochen hatte, um ein Jahr lang durch Südamerika zu reisen. Brüderschaft hatte er außerdem mit Horst, Franz und Karl, den Leitern der anderen Betriebsteile getrunken. Wenn schon, denn schon. Unwillkürlich knirschte er mit den Zähnen, nein, wie dämlich von ihm - wie sollte er sich jetzt da durchsetzen? Und wie zur Krönung blitzte noch eine weitere peinliche Erinnerung auf, wie er die Polonaise angeführt und lauthals “Mir lasse de Dom in Kölle” geschmettert hatte. Stöhnend stellte er die Dusche ab. Einen Moment lang verlockte ihn der Gedanke, einfach zu kündigen, um den anderen nie wieder gegenüber treten zu müssen.

Während er sich abtrocknete und rasierte, überlegte er mit heißen Wangen, wie er nun vorgehen sollte. Als junger, smarter Unternehmer hatte er sich jetzt wohl unmöglich gemacht. Schließlich war er der Entscheider in dem Laden, da konnte man sich doch nicht einfach so abfüllen lassen. Beim Anziehen fiel sein Blick auf den abgeschnittenen Rest seines Schlipses von gestern. Diese Sitte, nach der an Weiberfastnacht jede Frau ungeachtet ihres Alters oder Aussehens einem Mann den Schlips abschneiden und ihn dann auch noch abknutschen durfte, fand er einfach barbarisch. Was sicherlich auch damit zusammenhing, dass es in seinem Fall Frau Cerberus aus der Flaschenabfüllung gewesen war, eine dralle Mittfünfzigerin, die nach Verstümmelung seines Binders minutenlang auf ihn einschmatzte. Fast hätte er um Hilfe gerufen. Danach hatte er jedenfalls das erste der unzähligen Gläser Kölsch und sicherheitshalber noch einen Eierlikör aus eigener Produktion hinuntergestürzt.

Ein gründliches Zähneputzen und zwei Aspirin später machte er sich auf den Weg in die Firma. Unterwegs überlegte er weiter. Sollte er einfach Jupp und Juanita und alle anderen wieder siezen, als hätte es den gestrigen Abend nie gegeben? Nein, das widerstrebte seinem geradlinigen, norddeutschen Wesen - außerdem dürfte das bei seinen Untergebenen ganz schlecht ankommen. Tja, blieb ihm nur, das Beste daraus zu machen und mit der größtmöglichen Lässigkeit trotz der Duzerei zu versuchen, seine Autorität zu verteidigen. Während der kurzen Fahrt in die Firma übte er schon mal ein breites Lächeln, um die Muskeln zu lockern. Gut, das Aspirin begann auch endlich zu wirken. Er parkte den BMW auf seinem reservierten Parkplatz. Er atmete noch mal tief durch, ehe er ausstieg und auf etwas wackeligen Beinen in Richtung Gebäude ging.

Im Eingangsbereich kam ihm Herr Schmitz - pardon, Jupp - entgegen. Auch das noch, ihm war keine Schonfrist vergönnt. Er verzog sein Gesicht zu dem einstudierten Grinsen. „Morgen - Jupp!” sagte er eine Spur zu laut und zu fröhlich. „Morgen, Philipp” erwiderte Jupp, dem die vertrauliche Anrede auch noch nicht ganz mühelos über die Lippen ging. Sah auch ein bisschen zerknittert aus, was Philipp innerlich freute. „Ja - äh, nette Feier gestern.” bemühte sich Philipp schnell, die Pause zu füllen. „Ja, Mensch Chef, hätte gar nit jedacht, dass du als Nordlicht dem Karneval so zugetan bist.” meinte Jupp. „Jesungen hast du wie ein echter Karnevalsjeck. Respekt!” - „Ja, äh, danke.” meinte Philipp. „Tja also, dann sehen wir uns um zehn zum Management-Meeting.” - „Na klar, Jung, machen wir.” meinte Jupp und klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. Irgendwie fühlte sich Philipp plötzlich gut - eigentlich das erste Mal, seitdem er in der Firma angefangen hatte.

Seine unverwüstliche Sekretärin Frau Obhoven - seit gestern Marietta - saß schon im Vorzimmer an ihrem Schreibtisch. Beim Näherkommen bemerkte er, dass ein noch von der gestrigen Feier stammender Glitzerpartikel auf ihrer nicht mehr ganz festen Wange haftete. „Morgen, Marietta.” lächelte er, schon wesentlich lockerer. „Juten Morgen, Chef.” erwiderte sie. „Die Brennerei hatte eine wichtige Frage wegen der Vertragsverlängerung, soll ich dich gleich mal verbinden?” - „Ja, bitte.” meinte Philipp. Wieso nannten ihn alle auf einmal Chef? Das hatte er sich bisher immer nur wünschen können.

Bis zur Zehn-Uhr-Besprechung hatte er zwei Anrufe erledigt, seine Zielplanung für die nächste Woche noch mal überflogen, einen von Marietta unaufgefordert gebrachten starken Kaffee getrunken und ein Alka Seltzer eingenommen. Und dann war es auch schon Zeit, alle Betriebsleiter hatten sich im Sitzungsraum versammelt. „Guten Morgen allerseits.” eröffnete Philipp die Besprechung. „Ich finde, wir hatten eine sehr nette Feier gestern.” er blickte in die Runde. Seine allesamt verkatert aussehenden Betriebsleiter grinsten breit und nickten beifällig. „Jetzt lasst uns kurz besprechen, was nächste Woche ansteht, ehe wir uns alle nachher ins Wochenende und Karnevalsgetümmel stürzen. - Jupp, fängst du an mit den Bestellungen?” Und Jupp fing an und sprach sogar in ganzen Sätzen, was bisher noch nie da gewesen war. Sonst hatte er ihm immer alle Informationen mühsam abpressen müssen. Auch Karl berichtete freiwillig von eventuellen Rohstoffengpässen nächste Woche. Nachdem sie die Probleme geklärt hatten, was erstaunlich schnell und pragmatisch vonstatten ging, ohne dass er das Flipchart gebraucht hätte, löste er die Runde auf. „Schönes Wochenende, Philipp, Chef, Jung.” Jeder sagte beim Hinausgehen etwas anderes, aber irgendwie hatte er das Gefühl, seine Feuertaufe oder vielmehr Feuerwassertaufe bestanden zu haben. Am Ende hatte es sich doch nicht als so falsch erwiesen, einmal ein Rheinländer gewesen zu sein.
Zuletzt aktualisiert am Montag, 16. Juni 2008 um 12:53 Uhr
 

Kommentar hinzufügen

Dein Name:
Betreff:
Kommentar:
 

Anmeldung



Wer ist online

Wir haben 68 Gäste online

Übersetzung